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Luigi Giussani
22/06/2003
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Unbenanntes Dokument

Mailand, 22. Juni 2003
Liebe Freunde,
nach der Pilgerfahrt
nach Loreto hat die Persönlichkeit der Mutter Christi eine entscheidende
Rolle gespielt, von der mir jetzt klar geworden ist, wie entscheidend sie
für die Klärung des Charismas ist, das die Kirche als Ursprung unseres Weges
anerkannt hat.
Ich schicke euch einige Überlegungen und bitte euch demütig, jeden
Tag den Heiligen Geist um die notwendige Hilfe zu bitten; so wie es die ersten
Apostel taten. Ich versichere euch, dass ich versuchen werde, jeder Frage,
jedem Zweifel und jeder Ungewissheit nachzugehen, damit unser Herz treu bleibe.
Jungfrau und Mutter, Tochter deines Sohnes,
Vor allen Wesen groß und voll von Demut,
Du vorbestimmtes Ziel im ewigen Rate.
1) Der Hymnus an die Jungfrau Maria von Dante entspricht
der Verherrlichung des Seins, der letzten Ausspannung des Bewusstseins des
Menschen, der vor der „Wirklichkeit“ steht – die nicht aus sich selbst hervorgeht,
sondern von einem höchsten Brennpunkt geschaffen ist: die Wirklichkeit
ist in der Tat geschaffen.
Das höchste Drama besteht darin, dass das Sein den Menschen darum
bittet, von ihm anerkannt zu werden. Das Drama der Freiheit, das der Mensch
durchleben muss, besteht in der Zustimmung zur Tatsache, dass das Ich unablässig
von einer Wiedergeburt des Wirklichen angeregt werden muss, von einer Neu-Schöpfung,
die in der Gestalt der Gottesmutter vom Unendlichen bewegt wird. In der Figur
der Gottesmutter nimmt die christliche Persönlichkeit Gestalt an.
Das wesentliche Prinzip des Christentums ist die Freiheit. Sie
ist die einzige Umsetzung der Grenzenlosigkeit des Menschen. Und diese Grenzenlosigkeit
entdeckt man in der Begrenztheit, die der Mensch erfährt.
Die Freiheit des Menschen ist die Rettung des Menschen. Diese Rettung
ist aber das Geheimnis Gottes, das sich dem Menschen mitteilt. Die Gottesmutter
hat die Freiheit Gottes vollkommen geachtet, sie hat seine Freiheit bewahrt;
sie hat Gott gehorcht, weil sie seine Freiheit geachtet hat: sie hat ihr keine
eigene Methode entgegengestellt. Hier liegt die erste Offenbarung Gottes.
Das Sein „entfaltet“ sich bis hin zu seiner vollkommenen Selbstmitteilung.
Das Sein berührt schließlich all das, was es umgibt und wofür es geschaffen
wurde. Und dies, das heißt diese Entfaltung des Seins, vollzieht sich gerade
in seiner vollkommenen Selbstmitteilung. Hierin verwirklicht es sich und erreicht
es dich. Deshalb fällt die Jungfräulichkeit – „Jungfrau und Mutter“ -
mit der Natur des Seins zusammen, das sich vollkommen offenbart. Die Jungfräulichkeit
ist das wirkliche Sein. „Jungfrau und Mutter“: Jungfrau, weil ewig. „In
deinem Leib entbrannte jene Liebe, durch deren Glut in diesem ewigen Frieden
...“. „Durch deren Glut“: welcher Dichter benutzt so konkrete Begriffe?
Aus der ewigen Jungfräulichkeit geht die jungfräuliche Mutterschaft hervor.
So weist die „Jungfrau und Mutter“ auf die ewige Art und Weise hin,
mit der Gott Seine Natur mitteilt. „Jungfrau“ kommt noch vor der „Mutter“:
die Jungfräulichkeit entspricht der Natur des Seins, der Herrlichkeit des Seins;
die Mutterschaft ist das Mittel, welches das Sein gebraucht, um sich mitzuteilen.
Jungfrau: es gibt nichts, was auf so endgültige und definitive
Weise von Gott als dem Schöpfer von allem hervorgebracht wurde – es wäre schön,
die Abschnitte in Exodus, Deuteronomium, Jesus Sirach und Jesaja über die Jungfräulichkeit
nachzulesen. Der erste Wert eines Ichs, des Geschaffenen, jeder geschaffenen
Sache, das Absolute, das ist die Jungfräulichkeit. Das erste Charakteristikum,
in dem das Sein sich mitteilt, ist die Jungfräulichkeit. Es ist die Vorstellung
der absoluten Reinheit, deren absolut mitreißende Konsequenz die Mutterschaft
ist. Die Jungfräulichkeit ist mütterlich, sie ist die Mutter des Geschaffenen.
Die Jungfräulichkeit ist Mutterschaft. Hier liegt die vom Sein zum Ausdruck
gebrachte und erreichte Beständigkeit: die Vollkommenheit, die als leuchtenden
Höhepunkt die Jungfräulichkeit hat, die Wärme der Jungfräulichkeit, den Reichtum
der Mutterschaft.
Die Gottesmutter ist die für uns notwendige Methode einer Vertrautheit
mit Christus. Sie ist das Instrument, das Gott gebraucht hat, um in das Herz
des Menschen zu dringen. Und Dante ist der bedeutendste Dichter unseres Volkes:
er entwickelt eine Theologie von Maria wie kein anderer. Entweder finden die
ersten drei Zeilen von Dantes Gedicht Widerhall im Herzen, oder sie werden
zu einem erdrückenden Stein. Das Geheimnis, aus dem das Geschaffene hervorgeht,
in dem es gehalten wird und in dem es sich erschöpfen wird, ist die Gottesmutter. „Jungfrau
und Mutter, Tochter deines Sohnes“: dieser Vers verweist auf die umfassende
Bedeutung des Geschaffenen als etwas, das der Mensch annehmen kann, das ihm
also angeboten wird. So ist im Schoße Mariens der Schöpfergeist,´die Evidenz
des Heiligen Geistes hervorgetreten.
„Du vorbestimmtes Ziel im ewigen Rate“: dieses Wort definiert
die Natur der Dinge, die sind. In seiner Endgültigkeit ist es der Ausdruck
der schöpferischen Kraft Gottes. Jenes Wort „vorbestimmt“ stellt keine
Sperre für die Freiheit Marias dar, weil darin ein Vorschlag zum Ausdruck kommt,
der aus der Ewigkeit stammt und das Werk Gottes bekräftigt. Deshalb stellt
der erste Teil von Dantes Hymnus eine Verherrlichung des Ewigen dar. In unseren
Seelen und denen der Gläubigen gilt es die Liebe zu Christus, der der ewige
Rat ist, zu entzünden. Alles gehört zum Ewigen. „Du vorbestimmtes Ziel im
ewigen Rate“: dies ist das abschließende Bild, das erste und letzte Bild
des Geschaffenen. Es ist ein ewiger Rat, etwas, das von Leben vibriert und
sich Ewigkeit nennt.
Als ich über den Brief des Papstes zum zwanzigjährigen Jubiläum
der Anerkennung der Fraternität nachdachte, wurde mir klar: der Heilige Geist
ist die von Anfang an vorgesehene Verwirklichung des letzten Zieles des ewigen
Rates. Er ist der endgültige Fixpunkt der Schöpfung des Heiligen Geistes, der
Schöpferkraft Gottes.
„Rat“ bedeutet, die unendliche, unveränderliche, unüberwindliche
Dimension des Heiligen Geistes wahrzunehmen. Dies offenbart den Grund, der
die Methode der Menschwerdung rechtfertigt. Ohne diesen Schritt bliebe die
Mutter Christi unverständlich.
Dem Menschen kann dies nur als höchste Methode der Freiheit Gottes
erscheinen: die Freiheit Gottes ist die grenzenlose Macht, die in ihrem Blick
das Werk des Geistes fixiert und begründet: Veni Creator Spiritus, mentes
tuorum visita.
Diese Dinge muss man auch mit Demut lesen. Denn Gott bestimmt dich
zur Ewigkeit, er verleiht dir Ewigkeit, weil er dich dazu bestimmt, zu verstehen,
dass du bist, und dies geschieht in den unendlichen Räumen der Zeit.
2) Die Person, das Du der Person, ist der Ort, an dem die Würde
der Zeugungskraft garantiert wird, im unablässigen Bewusstsein (das stets über
sich hinaus geht) der großen Verheißung, die das ganze Handeln des Heiligen
Geistes bestimmt: Gott schafft den Menschen und stellt das Eindringen der Sehnsucht
dar. Es ist eine grenzenlose Sehnsucht, wie es für uns das Feuer einer unendlichen
Dynamik angesichts einer vorläufigen Quelle darstellt. Gott ist das Maß für
das Eindringen der Sehnsucht, weil er auch das Maß für die Sehnsucht selbst
ist. Nur wenn man Gott gegenwärtig behält, erkennt man, dass man eine unbegrenzte
Quelle in sich trägt.
Das heißt der Heilige Geist bringt im Menschen das Wort und den
Plan hervor, der ihn definiert. Und dieses Wort stellt eine missionarische
Macht dar, das heißt es kehrt als provozierende Herausforderung in das Lebensumfeld
des Menschen zurück.
3) Die Totalität des Einsatzes der Person macht das, was ansonsten
ein nur vorläufiges Licht der Teilhabe wäre, zu etwas „Einem“, etwas Einmaligem:
letzte und ewige Formel des liebenden Geheimnisses, Schwindel erregende Dramatik,
in die - aus dem Inneren der Wirklichkeit heraus - das Du hineinstürzt, um
letztlich von einer kosmischen Umarmung aufgefangen zu werden.
4) Die Liebe ist für das, was ansonsten völlig vergänglich bliebe,
die Formel der Teilhabe.
Spiritus est Deus. Der Geist ist Gott, aber der Geist Gottes
ist Liebe: Deus caritas est (das Wesen der Dreifaltigkeit sind die drei Personen,
die einander lieben). Das Wesen des Seins ist Liebe. Hierin besteht die große
Offenbarung. Deshalb ist das gesamte Gesetz der Moral vollkommen durch den
Begriff der Caritas bestimmt.
5) Die Caritas leuchtet somit als einzige Form der Moralität auf,
die als ein Ausbruch von Hoffnung aufscheint, als unerschöpfliche Hoffnung. „Du
bist der Hoffnung stets lebendige Quelle.“
Die Hoffnung dringt wie ein Licht in die Augen und wie eine Glut
in das Herz jenes Seins, das den Lohn für die Erwartung des Menschen darstellt:
nicht als Belohnung, weil der Mensch etwa besonders gut gewesen wäre, sondern
weil das Ich das Ausbrechen der Hoffnung lebt.
Die Hoffnung hat eine lebendige und frohe Form. In ihrem Impetus,
in der Reinheit ihres Gehalts, bestimmt sie das Bild der gesamten Menschheit:
die Caritas als die Form der Moralität.
So wie Jesus dem reichen Jüngling sagte: „Gehe hin, verkaufe alles
was du hast und folge mir nach!“ Diese Worte waren die Form der Moralität,
doch der Jüngling hatte keine große Kraft und folgte Jesus nicht nach.
Alles was geschieht ist Gnade. Und die ganze Gnade liegt in jenem
Du, in dem sich die Erfüllung vollzieht.
6) Im Herzen des Menschen verdichtet sich die Freude – ausgehend
von der bis zur Vergebung gehenden Barmherzigkeit und von der unergründlichen
Fülle – als grenzenloses Licht, das die Intensität der schöpferischen Güte
garantiert.
7) Die menschliche „Musik“ ist die Bühne, auf der sich alles abspielt:
und das Geheimnis wird zum menschlichen Volk und zum „Chor“ des Unendlichen.
So verwirklicht sich eine ausdrucksstarke christliche Persönlichkeit, indem
man morgens aufsteht, um zur Messe zu gehen, um sich pflegen zu lassen, um
zur Arbeit zu gehen, um für die Kinder da zu sein... Man erhebt sich am Morgen
auf Grund einer inneren Explosion des Faktums Christi!
Euch allen, euren Familien und euren Gemeinschaften von Herzen
alles Gute.
don Luigi Giussani

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