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Luigi Giussani
26/01/2004
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Unbenanntes Dokument
Eure Heiligkeit,
Ihre Worte in der Botschaft zum Weltfriedenstag haben den Anfang dieses neuen
Jahres geprägt. Dies gilt insbesondere für das, was Sie vom Christentum
gesagt haben als dem „Sieg“ der Liebe Christi und vom Auftrag eines
jeden von uns, diesen Sieg, den das Herz eines jeden Menschen letztlich ersehnt,
zu beschleunigen.
Wir selbst empfinden diese Aufforderung zu Beginn dieses Jahres als besonders
dringlich, da sich in ihm zum 50. Mal jener Anfang jährt, der unerwartet
seinen Lauf nahm und sich dann als „Bewegung“ von Tausenden von
Menschen – jungen Menschen und nicht mehr so jungen Menschen – in
der ganzen Welt entfalten sollte. Alles begann im Oktober 1954 mit den ersten
Begegnungen an dem Mailänder Gymnasium, an dem ich Religion zu unterrichten
gebeten hatte.
Ein Gebet der ambrosianischen Liturgie bringt zum Ausdruck, was wir heute
empfinden:
«Domine Deus, in simplicitate cordis mei laetus obtuli universa.
Et populum Tuum vidi, cum ingenti gaudio Tibi offerre donaria.
Domine Deus, custodi hanc voluntatem cordis eorum».
"Herr, unser Gott, in der Einfachheit meines Herzens habe ich dir freudig alles
angeboten.
Und ich sah dein Volk, das dir mit unbändiger Freude Gaben darbrachte.
Herr, unser Gott, bewahre diesen Willen ihres Herzens."
Wir wenden uns mit der Bitte um diese Treue hingebungsvoll an den Herrn, denn
in dieser Treue erhält unsere Weggemeinschaft – die als außergewöhnliche
und wertvolle Gabe des Heiligen Geistes anerkannt wurde – kraft der Zugehörigkeit
zur Kirche sakramentalen Charakter.
Ich möchte Eurer Heiligkeit erneut anvertrauen, wie sehr mich das Werturteil über
unserer Erfahrung in den letzten fünfzig Jahren betroffen gemacht hat,
das mit höchster Autorität und in aller Deutlichkeit ausgesprochen
wurde. Sie, heiliger Vater, haben es ausgesprochen, wenn Sie in dem Schreiben
an mich vom 11. Februar 2002 zum 20. Jahrestag der kirchlichen Anerkennung
der Fraternität von Comunione e Liberazione sagten: «Die Bewegung
wollte und will nicht einen Weg, sondern den Weg weisen, der zur Lösung
des existentiellen Dramas des Menschen führt. Dieser Weg ist Christus.»
Ich wollte niemals irgend etwas „gründen“. Ja, ich meine,
dass der Genius der Bewegung, die ich entstehen sah, aus der Notwendigkeit
einer Rückkehr zu den grundlegenden Aspekten des Christentums entstand,
das heißt aus der Leidenschaft für das christliche Ereignis als
solches, in seinen wesentlichen Aspekten – und nichts weiter. Und vielleicht
hat gerade dies unvorhersehbare Möglichkeiten der Begegnung mit Persönlichkeiten
aus der jüdischen, muslimischen, buddhistischen, protestantischen und
orthodoxen Welt eröffnet – von den Vereinigten Staaten bis nach
Russland. Sie fanden stets in dem Bestreben statt, all das an Schönem,
Wahrem und Gutem mit offenen Armen zu empfangen und wertzuschätzen, was
noch in Personen zu finden ist, die eine Zugehörigkeit leben.
Worauf es heute im Christentum entscheidend ankommt, ist, dass sich das Christentum
ganz mit einem Faktum identifiziert, nämlich mit dem Ereignis Christi – wie
Sie dies in Ihrer programmatischen Enzyklika Redemptor hominis, weitsichtig
verkündigt haben –, und nicht mit einer Ideologie. Gott hat sich
dem Menschen und der Menschheit nicht vermittels einer Theorie zugewandt, die
dann letztlich von Philosophen und Intellektuellen entdeckt wird, sondern durch
ein Ereignis, das man erfahren kann. So haben Sie in Novo millennio ineunte
ausgeführt: „Nein, keine Formel wird uns retten, sondern eine Person,
und die Gewissheit, die sie uns ins Herz spricht: Ich bin bei euch!“ Wenn
unsere erzieherische Leidenschaft eine Charakteristik hat, dann ist es der
unablässige Verweis auf diesen unergründlichen Brennpunkt christlicher
Erfahrung, über den viele beinahe hinwegsehen, wenn sie ihn als selbstverständlich
oder als offensichtliche Voraussetzung abtun.
Innerhalb der Kirche und in Treue zum Lehramt und zur Tradition haben wir stets
versucht, den Menschen entdecken zu helfen, auf welche Weise Christus eine
Gegenwart ist oder wie sie ihn leichter erblicken könnten. Der Weg zur
Gewissheit, dass Christus Gott ist, dass wahr ist, was er gesagt hat, ist in
der Haltung der Apostel vorgezeichnet. Die Apostel fragten stets: „Wer
ist dieser?“. Denn sie waren von der Erfahrung der Außergewöhnlichkeit
jener Gegenwart ergriffen, die mitten in ihr menschliches Leben getreten war.
Im Brief an die Fraternität hat Eure Heiligkeit geschrieben, dass „das
Christentum daher weniger ein System von Lehren oder eine Regel zur Erlangung
des Heils ist, als vielmehr das ‚Ereignis’ einer Begegnung“.
Wir haben über fünfzig Jahre hinweg alles auf diese Evidenz gesetzt.
Gerade die Erfahrung dieser Begegnung liegt am Ursprung der zahlreichen christlichen
Berufungen, sei es zur Ehe, zum Priestertum oder zur Jungfräulichkeit.
Sie liegt am Ursprung der Persönlichkeitsentfaltung vieler engagierter
Laien im täglichen Leben und verleiht ihnen eine Kreativität, die
den Alltag durchdringt und dabei den drei erzieherischen Dimensionen folgt,
auf die wir von Anfang an immer wieder verweisen haben: Kultur, Caritas und
Mission.
Deshalb verstehen wir uns weder als Hüter einer besonderen Spiritualität,
noch empfinden wir die Notwendigkeit, dieser einen eigenen Namen zu geben.
Stattdessen überwiegt die Dankbarkeit für die Entdeckung, dass die
Kirche ein Leben ist, dem unser Leben begegnet, und nicht eine Theorie über
das Leben.
Die Kirche ist in der Menschlichkeit Christi gelebte Menschlichkeit. Und dies
kennzeichnet für jeden von uns das sakramentale Verständnis der Fraternität.
Wenngleich es uns auch nicht leicht fällt, dies in seiner Gänze zu
verstehen, so gewinnt das Leben so doch eine ganze andere Tiefe.
Deshalb vertraue ich Eurer Heiligkeit den Wunsch an, der Kirche mit unserem
Charisma selbst durch die Unangemessenheit unserer menschlichen Grenzen zu
dienen. Gerade unsere Grenzen drängen uns zur Umkehr, die sich als Veränderung
der Mentalität erweist und eine andere Menschlichkeit hervorbringt.
Unablässig werden wir so aus dem Nichts zum Sein gerufen und schauen
dabei auf Maria. Auf sie verweist Eure Heiligkeit als Weg und Methode einer
größeren Nähe zu Christus. Für uns ist sie „der
Hoffnung stets lebendige Quelle“, um es mit dem Hymnus an die Jungfrau
von Dante zu sagen, den wir mittlerweile täglich beten.
Das Ziel und die Bekehrung, die Christus der Welt ermöglicht hat, liegen
in dem Streben nach dem Guten. Deshalb ist die Umkehr zu Christus und damit
zu seiner Kirche die Quelle einer Hoffnung, die auf das wirkliche Leben Einfluss
gewinnt und für die man sein Leben hingeben kann, wie es die christlichen
Märtyrer tun.
Scheinbar hat für diesen Glauben jedoch das tägliche Leben und Wirken
des Menschen in den letzten Jahrhunderten seinen ewigen Wert verloren und wird
nicht mehr als grundlegende Hoffnung verstanden. Deshalb muss die Verherrlichung
des göttlichen Wortes das Grundanliegen im Umgang mit allen Dingen und
bei allem Streben sein. Die von Christus gebrachte Erlösung muss mit jedem
neuen Sonnenaufgang anbrechen, auch wenn dies durch jedes Kreuz geschehen mag.
Eure Heiligkeit, der Vers von Dante «Hier bist du uns die mittägliche
Leuchte /
Der Nächstenliebe» verwirkliche sich in allen Beziehungen des christlichen
Volkes unter der Leitung von Hirten, die den Geist Christi auf die Vermittlung
Mariens hin anzurufen wissen.
Unsere Bewegung, die der Geist Christi im Gehorsam und in Frieden hat entstehen
und sich entfalten lassen, möge in Brüderlichkeit die ganze Gemeinschaft
der Christen beseelen, so dass überall dort, wo der Glaube verkündet
wird, Spuren der Heiligkeit der Gottesmutter zu finden sind («In dir
wohnt Mitleid, in dir wohnt Erbarmen, / In dir wohnt Herrlichkeit, in dir ist
alles / Vereint, was in Geschöpfen je an Güte»).
Ich erbitte Euren Segen und versichere, Eurer Heiligkeit gehorsamer Sohn zu
sein
Luigi Giussani
Mailand, 26. Januar 2004
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